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Also, Mammutaufgabe Saisonausblick. Das ist irgendwie an mir hängen geblieben. Dies ist vor allem ja auch Spekulation, erst recht da die Transferphase noch offen ist und die bisherigen Testspiele ja nicht unbedingt repräsentativ sind für das, was wir ab dem ersten Spieltag bei uns sehen.Aber schauen wir doch mal, was sich nun geändert hat.
Im Tor sind die Verhältnisse sehr klar, was im Vergleich zur vorigen Saison bereits einen Quantensprung darstellt. Ein zwar noch sehr junger ter Stegen, der sicherlich auch noch den ein oder anderen Fehler machen wird, steht nun sicher als Nummer 1 im Tor. Das ist unter Berücksichtigung von vielen Expertenmeinungen auch sehr gut so. Ter Stegen ist mit dem Potential zum neuen Publikumsliebling wieder ein Keeper, der die Chance hat, unsere eigentliche Torwarttradition fortzuführen und einen sicheren Rückhalt darzustellen. Heimeroth als solider Backup sollte uns auf dieser Position eine relativ sorgenfreie Saison bescheren. Einzig um Baillys Leih-Verein sollte man sich Sorgen machen, bei Xamax Neuchatel herrscht derzeit pures Chaos, hoffen wir mal, dass sich dort kein Wertverlust ergibt.

Apropos Chaos: Die Abwehr, welche vor Favre noch ein teilweise ein heilloses Durcheinander war, scheint in der neuen Saison ein sicherer Rückhalt zu werden. Mit der wirklich hochkarätigen Innenverteidigung Dante und Stranzl werden wir sehr gut fahren, Brouwers als Backup stellt hier auch qualitativ einen guten Rückhalt dar. Ob Bamba Anderson weiterhin bei uns bleibt ist derzeit noch fraglich, dahinter gibt es weitere Alternativen im “polyvalenten” Bereich, sowohl Daems als auch der gelernte Innenverteidiger Nordtveit könnten hier beispielsweise in die IV rücken. Bleiben die beiden Aussenpositionen. Hier belebt beidseitig die Konkurrenz das Geschäft. Links der wiedererstarkte Daems und der erfahrene und vor allem schnellere Neuzugang Oscar Wendt sind eine Doppelbelegung, um die uns mancher Abstiegskandidat schwer beneidet. Rechts ebenfalls eine interessante Konstellation mit Tony Jantschke, der durchaus das Potential zum Stammspieler besitzt und der Neuzugang Zimmermann, frisch ausgezeichnet mit der silbernen Fritz-Walter-Ehrenmedaille (hinter ter Stegen), was für einen jungen Spieler eine grosse Auszeichnung darstellt. All dies gibt eine Qualität in der Breite, die im Normalfall auch zu einer direkten Qualitätssteigerung in der ersten Elf führt.

Favre ist bekannt dafür, sehr gerne aus einer gut eingespielten und hochstehenden Abwehr heraus zu agieren. Eine Prognose für die nächste Saison für diesen Bereich wäre zwar noch früh, jedoch kann man jetzt schon davon ausgehen, dass wir bei der Anzahl der Gegentore durchaus bei den ersten 8,9 Mannschaften dabei sein können.

Weitere Perlen zu entdecken gibt es im Mittelfeld. Wobei Marco Reus kein Geheimtipp mehr ist, sondern in dieser Saison bei konstanter Weiterentwicklung definitiv in den Fokus internationaler Top-Clubs rücken wird. Wir haben hier unseren nächsten Nationalspieler und können nur hoffen, dass er uns noch lange erhalten bleibt, er wird die Qualität im Mittelfeld weiter hoch halten und sehr oft den Unterschied ausmachen können. Als Backup für Reus stehen für das rechte Mittelfeld aussen auch Leckie und Herrmann zur Verfügung, was auf den ersten Blick ebenfalls fast ein Luxusproblem darstellt. Zu befürchten ist, dass Herrmann hier den Sprung verpasst, Leckie wirkt sehr stark und hochmotiviert, ihm hier den Rang abzulaufen.

Auf der linken Seite bleibt im Prinzip nur abzuwarten, wer die beste Leistung bringt. Arango, der nach teils sehr starken Leistungen bei der Copa America nun keinen wirklichen Urlaub hatte, könnte durchaus in ein körperliches Loch fallen, was natürlich nicht so schön wäre. Jedoch warten dahinter mit Lukas Rupp und Yuki Otsu bereits zwei scheinbar sehr hungrige Talente, die für sehr viel Wirbel sorgen könnten. Mein persönlicher Tipp ist hier Yuki Otsu, dem einiges zuzutrauen ist, da er eine Mentalität an den Tag legt, die ihn in Gladbach auch sehr schnell zum Publikumsliebling machen kann. Ob er effektiv ist, wird sich zeigen.

Eine wichtige Frage wird sein: Wie sehr wirkt sich die Erhöhung der Qualität in der Breite des Teams und des Taktiklevels unter Favre auf unser DM aus. Neustädter und Nordtveit haben beide das absolute Potential, hier eine Bank zu werden, ob es jedoch beide umsetzen, bleibt noch eine Weile spannend. Auch wenn unser “Fanclub-Mainzer” Stefan auf Neustädter schwört, kann ich mir hier gut vorstellen, dass Neustädter als der offensivere der beiden noch einem variableren Neuzugang (Stilic?) weichen muss oder Opfer einer taktischen Umstellung wird (1 DM weniger, dafür 1 ZM).

Der Sturm. Mein Sorgenkind. Der einzige Bereich, wo es noch unglaublich in den Sternen steht, was auf uns diese Saison zukommt. Favre ist sehr bekannt für knappe Ergebnisse und wenige Tore. 1:0, 0:0, 1:1 sind Ergebnisse, die durchaus häufig vorkommen könnten. Es sei denn…. ja, es sei denn, das ist die Floskel, die man nun auf viele unserer Stürmer anwenden kann. Schlägt Bobadilla doch noch ein? Wird Hanke (neben seinem intelligenten Stellungsspiel und guten Pässen) doch noch ein Goalgetter? Bleibt Igor de Camargo gesund und kann seine Quote fortführen? Was kann King? Ist er wirklich so gut, wie sein Club behauptet? Alle vier Fragen sind eminent wichtige Faktoren, wir haben hier keine Komponente, die derzeit nach einer sicheren Bank aussieht. Es gibt aber viele Optionen, was auch wieder ein typisches Favre-Merkmal ist (Stichwort Polyvalenz und so…). King könnte einschlagen, Hanke könnte ein Knipser werden, de Camargo wird der neue Cisse, Reus rückt in die Sturmspitze und in einem Jahr als zweiter Messi gehandelt, usw… Je länger man sich die Möglichkeiten und Variationen anschaut, desto schwieriger wird die Voraussage.

Umso schwieriger wird es jedoch auch für die Gegner uns auszurechnen. Besonders dieser Punkt war zu Beginn der letzten Saison ja noch ein grosses Minus. Jeder wusste, wie wir taktisch aufgestellt sind, Auswechslungen gab es wenige, Verletzungen verhinderten Variationen, etc. Dies war letzte Saison neben anderen Faktoren natürlich auch ein grosses Plus für unsere Gegner. Diese Saison jedoch wird sich so mancher Gegner bis kurz vor Anpfiff noch gründlich Gedanken machen müssen, in welcher offensiven Variante Favre die Borussia auf das Feld schickt. Genau dieser Punkt wird unsere grosse Stärke werden. Niemand wird genau sagen können, wer auf dem Feld steht und wer plötzlich auf der Tribüne sitzt. Eminent wichtig wird hierbei der Teamgeist der Mannschaft. Weswegen auch die geplante Trennung zum Beispiel von Idrissou nachvollziehbar sein könnte. Ein Idrissou sitzt nicht gerne auf der Bank und schon gar nicht auf der Tribüne. Was unter Favre mit diesem Kader jedoch nun jederzeit passieren kann.

Es wird sicher bis zum Ende der Transferperiode noch die ein oder andere Bewegung geben. Bradley wird sicher nicht bleiben und bis Ende August könnten uns auch noch Levels, Idrissou und eventuell Anderson verlassen. Dies ermöglicht Eberl den Transfer, den Favre taktisch wahrscheinlich noch erwartet: Einen guten Umschaltspieler, der entweder für Nordtveit oder für Neustädter auch für die Stammelf vorgesehen ist. Unter Umständen wird jedoch auch noch nach einem Knipser Ausschau gehalten, da eben dieser bei uns noch fraglich ist. Soriano (Barca II) geistert hier und da noch als Gerücht durch die Foren und dann gäbe es eventuell tatsächlich noch einen etwas grösseren Transfer. Auch ohne diese Veränderungen jedoch sollte mit diesen Variationsmöglichkeiten und dem neugewonnenen Teamgeist einer verschworenen Anti-Abstiegs-Gemeinschaft (“Die Unabsteigbaren”©Mike Hanke) durchaus Platz 9-12 möglich sein.
Ich glaube im Laufe der Saison an eine Umstellung von der Doppelsechs zu einem defensiven 6er und einem “Umschalter”, dazu die brandgefährlichen Aussenspieler werden uns zu einer sehr schnellen Kontermannschaft machen, die für einige Überraschungen sorgen wird. Wenn Favre gut mit dem Team arbeiten kann, ist meine stille Hoffnung die einer Überraschungsmannschaft à la Mainz und Hannover.

Nach einer extrem turbulenten letzten Saison mit enormen Problemen hat Lucien Favre nun Zeit zu sortieren und Zeit, um uns vor allem taktisch neu aufzustellen. Wirklich neu? Das wird die entscheidende Frage sein. Ist vielleicht der bisherige Weg mit jungen Talenten nur eine konsequente Fortführung der bisherigen Eberl’schen Ausrichtung (Reus, Herrmann, Jantschke, Nordtveit, Neustädter)? Es passt jedoch auch sehr gut zur Verhaltensweise von Favre, der ja auch bei bisherigen Vereinen ähnliche Richtungen verfolgt hat. Letzten Endes wird uns die kommende Saison zeigen, ob wir mit der Kombination Eberl und Favre unter Umständen nun sogar ein Traumpaar installiert haben.