Nur sechs Gegentore nach neun Spieltagen. Borussia stellt damit statistisch nach Bayern München die zweitbeste Abwehr der Bundesliga.

Mit Sicherheit auch ein Verdienst von Innenverteidiger Martin Stranzl. Die RheinBorussen sprachen mit dem sympathischen Österreicher vor dem Spiel gegen Hoffenheim.

 

 

Hallo Martin, danke, dass du dir Zeit für uns und unsere Fragen genommen hast.

Kein Problem, gerne.

Wie geht’s dir, können wir davon ausgehen dass die hartnäckige Verletzung wirklich komplett ausgeheilt ist, und warum war sie aus deiner Sicht so hartnäckig? Nach dem Heidenheimspiel sah es ja optisch zumindest eher harmlos aus.

Ja es war eine komplizierte Stelle im Wadenmuskelbereich und der Sehnenansatz war schon betroffen Richtung Schienbeinmuskel. Da kommt man schwer hin und kann man nicht viel therapieren und da hätte man vielleicht schon im Vorfeld sagen sollen: „Komm, zwei Wochen raus!“, um dann einzusteigen und es nicht jede Woche zu probieren. Deshalb hat es sich so hingezogen.

Du hast nach der Pause direkt wieder so gespielt als hätte es sie nie gegeben. Sind die – erfolgreichen – Mechanismen und Laufwege mittlerweile so in “Fleisch und Blut” übergegangen?

Ja gut, ich bin schon eine Zeit lang dabei. Von der Erfahrung kann man auch viel wettmachen. Und wenn´s im Team funktioniert oder wenn es läuft ist es sowieso einfacher, wenn man zurückkommt. Von daher habe ich mich auch nicht schwer getan.

Was man von außen eigentlich selten bis nie mitbekommt: Wie viel davon ist tatsächlich standardisiert, und was variiert ihr je nach Gegner? Wir meinen sowas wie Abstände untereinander, Zuordnung bei Standards, und ähnlichen Dingen. Ohne zu viel zu verraten natürlich!

Wir spielen verschiedene Varianten im Training durch. Das will der Trainer, damit wir flexibel sind, dass wir schnell reagieren können auf ein gewisses System, das spielen wir eben durch und wenn wir dann die Spiele haben und der Gegner spielt dann mit Raute oder 4-4-2 flach oder nur mit einer Spitze, dann versuchen wir halt dagegen zu stehen oder aufzubauen, dass wir mehr Möglichkeiten haben. Das sind Automatismen, die muss man im Training einspielen, die dann passen müssen. Und das funktioniert auch ganz gut.

Kompaktheit ist ja ein großes Thema, nicht nur bei Borussia, obwohl wir es im gesamten Defensivverbund ja wirklich mit am besten hinbekommen. Wir hatten BFC-intern schon die Diskussion, dass es dadurch evtl. sogar gewollt sein kann bzw. eher in Kauf genommen wird weite Flanken zuzulassen als unbedingt zu versuchen diese zu verhindern, dann aber im Strafraum nicht kompakt genug zu stehen und keinen Zugriff in den torgefährlichen Räumen zu haben. Ist das so, oder kann man das so nicht sagen? Mir ist es gegen Stuttgart aufgefallen, dass die Außenverteidiger sehr nach innen gerückt sind.

Das ist auch so, bedingt dadurch wie sich die gegnerische Mannschaft stellt und bewegt. Als Außenverteidiger ist es schwer, wenn der Gegner mit zwei Stürmern spielt. Die Stürmer bewegen sich immer zwischen dem Innenverteidiger und dem Außenverteidiger. Das heißt der Außenverteidiger muss die Schnittstelle zu machen. Das ist gefährlich, da darf der Ball nicht durch. Deswegen lässt man mehr die Außenbahn offen und verschiebt dann, um kompakt zu sein. Wenn du eine Sturmspitze hast, ist es so, dass du sowieso zwei Innenverteidiger hast, dann kannst du Außen auch mehr zumachen.
Das sind so die Sachen, auch auf die Frage der Automatismen. Das Wichtigste ist, dass der Ball nicht durch´s Zentrum darf, weil es da gefährlich ist und wenn du eine gute Ordnung hast und die Ein- und Aufteilung stimmt muss die Flanke schon sehr, sehr genau kommen, dass da dann ein Tor entsteht. Du darfst nicht panisch werden und die Übersicht verlieren. Deshalb sieht es auch nach Außen so gut aus.

Das klappt wirklich sehr gut.
Wir könnten uns vorstellen, dass die aktuelle Erfolgsserie sich auch auf die Stimmung in der Mannschaft auswirkt. Erfolg hatten wir ja auch bereits in ganz 2011, wenn man sich die Jahrestabelle ansieht. Aber in der letzten Rückrunde schwebte das Abstiegsgespenst ja noch durch den Borussia-Park, jetzt sieht es tabellarischer doch um Welten besser aus. Merkst du Unterschiede in der Stimmung, und wenn ja welche?

Ja man merkt schon einen Unterschied, das ist ja klar, alleine von der Psyche her. Es ist was anderes, wenn du im Abstiegskampf bist und jetzt eine Lage wie wir aktuell haben. Diese Erfahrung hat jeder mitgenommen und der ein oder andere ist natürlich auch gestärkt aus der Situation herausgekommen und hat sich weiter entwickelt. Jetzt wird mit mehr Selbstvertrauen gespielt, bedingt auch durch die Ergebnisse, das ist ganz normal. Die Stimmung ansonsten ist nach wie vor immer gleich. Wir haben uns nie hängen lassen, das war ja auch wichtig, das ist ein großes Plus.

10 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, 2 Punkte Vorsprung auf einen Nicht-EL-Platz. Sprecht ihr in der Mannschaft darüber, oder schaut man eher auf die Punkte und will schnell die 40 Punkte haben?

Wir sagen natürlich schon innerhalb der Truppe, dass wir weiter da oben stehen bleiben möchten. Deswegen musst du von Spiel zu Spiel an die Leistungen davor anknüpfen. Man darf nichts abreißen lassen, es ist ja alles sehr eng. Wir gucken von Spiel zu Spiel, wollen aber schon oben bleiben. Aber abgerechnet wird nach 34 Spieltagen und das ist jetzt nur eine Momentaufnahme. Aber wir können es gut einordnen, wir haben noch viel Arbeit. Aber im Moment klappt´s ganz gut und diese Erfolgswelle wollen wir mitnehmen.

Und du persönlich, was traust du Borussia in dieser Saison zu? Favre hat ja gesagt die Spieler dürften auch träumen….

Zutrauen ist immer so… wir wollen jedes Spiel so bestreiten, dass du gewinnst, das wollen die anderen ja auch. Es gibt ja immer so Tage wo es gut läuft, und wo es schlecht läuft. Dann zeigt sich, wie clever man ist oder inwiefern man daraus gelernt hat und ob man auch bei schlechten Spielen Punkte mitnehmen kann oder sie liegen lässt. Da sind viele Faktoren entscheidend, wo es im Endeffekt hingeht und ob man zufrieden sein kann. Nach 34 Spieltagen kann man sagen, ob man zufrieden ist oder ob mehr drin wäre. Und Prognosen sollen lieber Statistiker oder Journalisten machen. Wir schauen von Spiel zu Spiel.

Du hast ja in deiner Karriere schon den einen oder anderen Trainer gehabt. Könntest du aber trotzdem etwas herausheben, was Favre speziell anders/besser macht?

Ich bin der Typ, der sich von jedem Trainer versucht etwas abzuschauen. Favre arbeitet gut im Detail und zeigt Lösungswege auf, wie man es besser machen kann. Wir versuchen es schnell umzusetzen. Er korrigiert schnell, das macht er gut. Er hat ein gutes Gefühl für Spieler, wann er eine Pause braucht oder wann er lauter werden muss. Das macht er richtig gut.


Andere Trainer, andere Umgebung, andere Mannschaften. Hattest du dich schnell hier eingelebt, und mit wem aus der Mannschaft unternimmst du auch in deiner Freizeit mal was?

Wir haben uns hier sehr schnell eingelebt. Mein Kleiner geht in den Kindergarten. Meine Tochter ist noch zu klein, die ist noch zu Hause. Aber wir fühlen uns sehr wohl hier und es ist natürlich so, dass ich zusammen was mit dem Team mache, z. B. einen Grillabend oder in der Stadt was essen gehen oder einfach nur einen Kaffee trinken. Hier gibt es viele Möglichkeiten, weil auch die Distanz nicht so groß ist.

Aus unseren Interviews mit Roman Neustädter und Tony Jantschke ist uns schon bekannt, dass es natürlich auch die junge “PS-III-Fraktion” gibt (Stranzl beginnt zu schmunzeln/die Red.), was ja auch logisch ist, aber es sieht zu 100% so aus, als würdet ihr euch als Mannschaft bzw. Spieler komplett respektieren, helfen und eine homogene Einheit sein, völlig unabhängig vom Alter. Ist das so, abgesehen davon natürlich, dass du und andere “ältere” Spieler natürlich mal während des Spiels auf Dinge hinweist die du siehst?

Natürlich, das ist ja auch eine Aufgabe von einem Führungsspieler, wenn einem gewisse Dinge nicht passen, dass man es anspricht wenn man etwas sieht. Das Wichtige ist, dass es dann auch angenommen wird. Das ist hier aber auch der Fall, es sind alle charakterlich schwer in Ordnung. Das macht dann als älterer Spieler auch mehr Spaß, wenn es angenommen wird und die Bereitschaft da ist. Aber Junge und Alte machen Fehler. Es muss angesprochen werden und korrigiert werden und dann geht es weiter nach vorne.

Die sportlichen Erfolge von Borussia in den letzten Jahren waren ja – um es vorsichtig zu formulieren – nicht gerade berauschend. Wer und was haben dich in der letzten Winterpause konkret bewogen gerade in dieser prekären Situation zur Borussia zu wechseln?

In erster Linie ist es so, dass mich der Verein schon immer interessiert hat, wo ich noch mit 60 oder dem VfB Stuttgart gegen Gladbach gespielt habe. Die Fankultur war immer was besonderes, wenn man auch noch am Bökelberg gespielt hat oder auch im Borussia-Park. Das was immer was besonderes und hat mir imponiert, aber auch die Geschichte und die Tradition. Deswegen war der Verein immer interessant.
Als dann die Situation vor dem Wechsel war: Ich hatte auch nur noch ein Jahr Vertrag in Moskau und hier war eine schwere Situation. Man hat mich dann darauf angesprochen, für mich war es sehr interessant und ich würde mich freuen, wenn es klappt. Ich habe dann das Heimspiel gegen Hamburg gesehen und habe mir alles angeguckt und war auch sehr beeindruckt. Es fehlten ja nur Kleinigkeiten oder Details, wie der Trainer auch immer gesagt hat. Und ich war dann überzeugt, dass man das schaffen kann in der Liga zu bleiben. Und im Endeffekt hat mir meine Entscheidung dann ja auch Recht gegeben und es hat geklappt.

ich hatte jetzt schon in den letzten Tagen einige Interviews von dir gelesen, ich weiß nicht inwieweit es der Wahrheit entspricht. In der Nationalelf soll definitiv Schluss sein und auch im Jahre 2013 möchtest du deine Karriere beenden. Stimmt das?

Ja so sieht die Planung aus. Ich habe vor zwei Jahren in der Nationalelf gesagt, dass ich da aufhöre, es sind da viele Dinge vorgefallen, aber das ist Vergangenheit. Ich hatte ein gutes Gespräch mit dem ÖFB wir haben die Dinge ausgeräumt. Man weiß ja nie, was später auch nach der aktiven Karriere noch kommen kann. Ich hatte auch mit dem neuen Trainer ein Gespräch gehabt und habe ihm klipp und klar gesagt, dass die Entscheidung damals so gefallen ist und die Konzentration auf Verein und Familie liegt. Es macht keinen Sinn die Quali für 2014 zu spielen. Ich habe bis 2013 Vertrag und möchte dann nach Österreich zurück. Der Sohn wird eingeschult und die Kleine kommt in den Kindergarten. Dann will ich nach Österreich zurück und da aufhören.

Ist es also definitiv, dass du 2013 aufhörst?

Ja, so sieht die Planung aus und es war auch ein gutes Gespräch mit Herrn Koller, er hat es auch verstanden und es war in Ordnung. Ich drücke der Nationalelf wie immer die Daumen, aber 2013 habe ich auch ein gutes Alter, ich kann meinen Körper gut einschätzen und habe es deswegen so geplant.

Noch spielst du gut, von mir aus darfst du gerne weitermachen.

Es gibt Situationen, wo man Entscheidungen treffen muss. Ich bin dann seit 17 Jahren weg aus Österreich. Es ist eine lange Zeit und freue mich auch, wenn ich wieder zu Hause bin.

Tauschst du dich über die Entwicklungen auch mit Landsleuten die in der Buli spielen aus, und wenn ja, zu wem hast du einen engeren Kontakt? Es spielen ja mittlerweile einige in Deutschland.

Wenn man gegeneinander spielt, unterhält man sich, auch privat wie es der Familie geht und weniger über den ÖFB. Der Sport ist eh ein Fulltimejob, da spricht man über andere private Dinge.

Trifft man sich auch mal, sucht sich evtl. ein österreichisches Restaurant, oder eher nicht?

Ich habe hier Christian Fuchs, der wohnt auch nicht weit weg von Düsseldorf. Mit dem treffe ich mich ab und zu auch und gehen dann ins Kino oder etwas essen. Ich kenne ihn auch schon länger. Andi Ivanschitz von Mainz wohnt etwas weit weg. Mit Malik Fathi, mit dem ich in Moskau gespielt habe, habe ich auch noch Kontakt telefonisch. Hauptsächlich mit Christian Fuchs durch die Nähe.

Wo wir gerade dabei sind, gibt´s ein österreichisches Gericht von dem du sagst “das müsst ihr unbedingt mal probieren”, dein Lieblingsgericht vielleicht?

Ja Wiener Schnitzel kennt glaube ich sowieso jeder. Das macht meine Schwiegermutter sehr gut. Wenn wir zu Hause sind gibt’s eigentlich immer Wiener Schnitzel. Da freue ich mich auch drauf, weil´s aus der eigenen Küche ist. Aber mittlerweile kann man es überall essen.

Bleiben wir mal bei dir und deinen Vorlieben. Was magst und genießt du im Leben?

Natürlich die Familie, die gemeinsame Zeit mit Frau und Kinder, wenn man mal einen freien Tag hat. Das Spielen mit dem Sohn im Garten oder wenn man die Fortschritte und Entwicklung sieht von den Kindern. Und auch die Zeit genieße ich. Die Zeit ist der größte Luxus, den man als Fußballer haben kann. Wenn man mal abschalten kann ist es schön, du bist ja sonst immer unter Dauerstrom. Man soll jeden Tag genießen, auch wenn es schwer fällt. Man weiß nie, was kommt. Es gibt genügend Schicksalsschläge in der Welt. Deswegen soll man mit vielen positiven Energien und Gedanken in den Tag gehen, auch wenn es schwierige Phasen auch jeden Tag gibt. Jeden Abend muss man es dann Revue passieren lassen.

Wie siehst du dich selber, als Mensch, vielleicht auch deine Stärken, und so es sie denn gibt auch Schwächen und was kannst du überhaupt nicht leiden, mal abgesehen von der obligatorischen Antwort “Unehrlichkeit”?

Das sollen andere beurteilen. Ich war immer sehr ehrgeizig, deshalb bin auch dahin gekommen, wo ich jetzt bin oder was ich in meiner Karriere erleben durfte durch diese Einstellung. Unehrlichkeit halt oder Unpünktlichkeit. Ich bin sehr pünktlich. Und halt so Kleinigkeiten, aber das sollen andere beurteilen.

Was sind deine persönlichen Ziele für die Zukunft, auch nach 2013 vielleicht und was willst du mit Borussia noch erreichen die 1,5 Jahre, die du noch hier bist?

Was ich erreichen will ist klar, dass die Entwicklung weiter Step by Step nach oben geht und nicht wie eine Rakete und dann stagnierst du. Hier sind glaube ich viele gute Sachen am entstehen. Hier arbeiten die richtigen Leute, wir haben einen guten Kader und viele junge Spieler kommen nach. Ich denke das ist meine Hauptaufgabe, dass ich die Entwicklung weiterführe und auch die jüngeren heranführe, wenn es denn so weit ist, dass die dann nahtlos da rein können. Da will ich einfach meinen Beitrag zu leisten.

Eins vielleicht noch, und zwar die Frage nach deinem bisher unangenehmsten Gegenspieler, national und international. Gibt da jemanden und wenn ja warum?

Am Anfang meiner Karriere war das sicher der Martin Max. Ich musste damals ja im Training bei 1860 immer gegen ihn ran. Es war immer sehr schwer, vor allem als junger Spieler. Und später möchte ich mal sagen dann Anelka oder Ibrahimovic. Das waren sehr sehr gute Stürmer und es macht auch Spaß und es ist eine große Herausforderung.

Gibt es auch national jemanden, also aus der Bundesliga?

Ich respektiere einfach jeden Gegenspieler. Es macht sehr viel Spaß hier, der Fußball hat sich in den fünf Jahren, in denen ich weg war in Deutschland sehr weiter entwickelt und auch die Charaktere und die Einstellung zum Sport. Es macht sehr viel Spaß, auch mit den Schiedsrichtenr. Besonders herausheben möchte ich keinen, in der Liga sind viele gute Spieler wie  Pizarro, der ist ein sehr guter Spieler, oder auch Kießling, gegen den ich letztes Wochenende gespielt habe. Über Gomez brauch man nicht sprechen. Es gibt viele, aber speziell einen herausheben möchte ich keinen.

Hast du noch Kontakt zu ehemaligen Spielern von 1860 München?

Ich habe noch viel Kontakt zu Michael Hofmann, wir treffen uns auch privat in den Ferien. Mit Benny Lauth schreibe ich noch ab und zu oder telefoniere mit ihm. Das sind die wichtigsten Kontakte noch.

Das war´s dann soweit auch, vielen Dank Martin.

Gerne, gar kein Problem.